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1.09.2011

Kapitel 5: Weiter Strand

Braten wie in der Wüste, hatte Anna gesagt.

Lisa hatte nicht geahnt, dass Anna das so ernst meinte.

Jetzt ist sie schon mindestens zwei Stunden unterwegs und der Strand scheint kein Ende zu nehmen. Kaninchen hängt längst schlaff an ihrer Pfote und wird von ihr durch den Sand geschleift.

Noch einen Hügel erklimmen und dann...

Dabei sind noch keine vierzig Minuten vergangen, seit die kleine Bärenexpedition bei „Köhns Übergang“ die obere Wandelbahn verlassen hat und entlang der hölzernen Markierungen des Vogelschutzgebietes, der Pfahlreihe, ihre Wanderung über den Kniepsand begonnen hat. Und wahrscheinlich wird keine Viertelstunde vergehen, bis sie die Wasserkante erreichen.

Aber das ist der kleinen Bärin egal. Wenn jemand behauptet hätte, die Wüste Gobi läge zwischen Wittdün und der Nordsee - und nicht nur tausend Meter sanft gewellte Sandlandschaft - sie würde es glauben. Sicher dauert es noch Stunden, bis sie endlich das Wasser sieht.

„Ist es noch weit?“ Lisa ruft nach hinten, wo Anna mit Marie an der Hand die Nachhut bildet. Dann dreht sie sich nach vorne und versucht den Wind zu übertönen: „Sind wir schon da?“

Dort atzen Howard und Lausebär vorweg - trotz der schweren Rucksäcke mit Handtüchern, Strandzeug und Proviant. Ihr Rücken ist schon klatschnass, aber sie wollen schnell zum Wasser. Für morgen werden sie sich irgendwas überlegen müssen. Jeden Tag diesen schweren Krempel so über den Strand zu schaffen, das wäre ja Mord. Aber wer kann schon bei dieser Plackerei denken. Später, wenn sie endlich angekommen sind.

Lisa versucht es noch einmal: „Ich habe Durst!“

Niemand scheint Lisa zu hören, nur dieser Wind, der ständig den Sand mitbringt. Überall ist der Sand und beißt und zwickt. „Ist hier immer so´n Wind?“

„Ja, der Schmirgelwind ist fast immer hier. Deswegen heißt es auch Kniepsand, weil der Sand hier ständig kneift.“ Linus taucht neben Lisa mit seiner Schippe auf.

„Alter Besserwisser.“ Lisa will keine Erklärungen, sie will ans Meer.

Aber Linus ist schon wieder verschwunden und versucht auf der Kinderschaufel sitzend, den nächsten Steilhang herab zu rutschen. Fast gelingt es ihm. Erst auf dem letzten Meter verwandelt er sich zusammen mit der sperrigen Schippe in eine wild im Sand rotierende Kugel, die erst vom nächsten Dünengras gestoppt wird. Lachend springt der Bärenjunge auf und klettert die nächste Düne hoch.

„Linus.“

„Keine Zeit! Hier kommt der weltbeste Sandrutscher!“

Lisa setzt sich da schon lieber auf den Po, nimmt ihr Plüschtier auf den Schoß und beginnt vorsichtig rutschend mit dem Abstieg.

„Weißt du was, Kaninchen? Diesmal laufen wir noch mit. Aber wenn das jetzt jeden Tag so ist, will ich gar keinen Strandurlaub.“

Als sie das Meer erreichen, ist es einfach wunderbar. Die Sonne steht an einem wolkenlosen Himmel. Die Wellen schlagen sanft an die Küste. Der Wind ist angenehm kühl, da er jetzt über das Wasser streicht. Natürlich weht auch kein Sand mehr. Aber der Sand unter ihren Pfoten wärmt die Sohlen. Weit und breit sind sie allein am Strand. Als wären sie die ersten Bären, die diese Küste für sich in Besitz nehmen. Die Kante der hohen Dünen, die mit Gras bewachsen die Insel schützen, liegt weit hinter ihnen. Über die Dünenspitzen erhebt sich der rot-weiß geringelte Leuchtturm. Weit links, kaum noch sichtbar, endet der Dünensaum in Wittdün. So perfekt ist keine Postkarte. Und sie sind mittendrin.

Die Rucksäcke bleiben einfach im Sand liegen. Aufgeregt laufen die Bären über den Strand. Die Kleinen schreien vor Begeisterung und rennen wild durcheinander. Sie wollen Muscheln sammeln, einen Strandburg bauen, nein, Fangen spielen oder im Sand buddeln - am Besten alles zugleich.

Anna stellt sich an die Wasserkante und genießt wie der Wind um ihre Schnauze streicht. Lausebär und Howard suchen die höchste Stelle am Strand und lassen den Blick schweifen. Lisa will ihren Hut loswerden und Linus streift sein Hemd über den Kopf. Anna kann gerade noch verhindern, dass auch Marie sich aus den Kleidern pellt. Die Sonne ist viel zu heftig. Durch den Wind merkt man gar nicht, wie sie sogar durch den dichten Pelz alles verbrennen würde. Die Kleinen müssen sich wieder anziehen.

Dann verabreicht Anna allen honiggesüßten Früchtetee aus der Thermoskanne, damit sie bei der Hitze nicht austrocknen. Howard und Lausebär beginnen einen Windschutz aufzustellen. Die kleinen Bären helfen begeistert mit. Es ist aber nicht ihre Schuld, dass die bunte Tuchwand nur krumm und schief steht. In dem feinen trockenen Sand wollen Stangen und Haken einfach keinen Halt finden.

Für heute wird der Schutz aber ausreichen.

Kapitel 6: Das Geheimnis der großen Bären

„Du bist tot!“ Aufgeregt schnappt Lisa nach Luft.
„Lass das!“ kreischt sie Linus an. „Wenn du es auch nur versuchst, bist du tot!“ Am Liebsten würde sich die Bärin breitbeinig vor ihren kleinen Bruder stellen, um ihn richtig zu beeindrucken. Aber sie traut sich nicht.

Denn schon steckt Linus den langen Holzstock in die glitzernde Glibbermasse vor ihm im Sand. Und beschleunigt mit einer schwungvollen Armbewegung das Ganze auf Lisa zu. Die hat keine Zeit, den Augenblick zu genießen, wie das milchig-durchsichtige Schleimtorpedo auf seinem kurzen Flug im Sonnenlicht gleißt. Sie taucht nach links unten ab und duckt sich. Zum Glück. Mit einem sanften Flatsch schlägt die Qualle weit hinter ihr im weichen Sand auf.

„Ich habe dich gewarnt. Jetzt wirst du sterben.“ Aber Linus hat schon das nächste Glibberding entdeckt und eilt mit flinken Beinen dorthin. Er bringt seinen Stock in Position und zielt auf Lisa. Und die ist ratlos. Soll sie, statt nur zu drohen, auf Linus losstürmen und versuchen, ihn selber in dieses eklige Schleimzeug zu schubsen? Oder soll sie lieber wegzulaufen, um möglichst viel Abstand zu seinen Glibbergeschossen zu gewinnen? „Du bist auf jeden Fall schon ziemlich tot!“ Doch vorher muss sich die kleine Bärin wieder ducken, da die nächste Flugqualle herangesaust kommt. Das war knapp...

Dabei ist der erste Strandtag bis jetzt doch so schön gewesen. Nachdem sie alle zusammen den schiefen Windschutz direkt am Wasser aufgestellt haben, ist Lisa mit ihrem kleinen Bruder zur Wasserkante spielen gegangen. Hier gibt es so viel zu entdecken, hier liegt ja so viel rum. Leider kann der kleine Bär kaum noch was in die Hosentaschen stopfen. Die sind ja schon so voll. Das orange Fadennest, in dem sich schon Stöckchen, Muscheln und Algenfransen verfangen haben, passt aber noch rein. Das kann er später auseinander rupfen.

"Hier könnte jemand doch mal aufräumen," Lisa schaut sich um, und findet alles so unordentlich. Linus findet dagegen einen langen Stock. Den bohrt er in alles rein, was auf dem Strand rum liegt. Stochert darin rum. Puhlt in Öffnungen. Dann nutzt der größte Erfinder der Welt den Stecken als Hebel, um Muscheln aus dem Sand zu schießen. Aber so ein Strand ist ja bestes Entdeckerland. Der Bär entdeckt jetzt die Glibber-Quallen am Spülsaum. Sie glitzern im Sonnenlicht. Die kann sicher noch besser über den Strand pfeffern: „Das sind ja schon Leichen.“ „Trotzdem gefährlich, weil ihre Nesseln immer noch brennen,“ ruft Anna rüber. „Nesseln? Die haben doch keine Blätter?“ Auf jeden Fall sind die glasig-violetten Glubschteile total eklig. Anfassen will Lisa die nicht. Und jetzt bewirft Linus sie mit den Schleimnesseln. Lisa droht. Lisa läuft. Lisa schimpft. Lisa rennt. Lisa schreit. Lisa flieht. Und ihr Bruder johlend und Quallen feuernd immer hinterher. „Johoh, das sind topgefährliche Feuerquallen!“

Auf der Flucht lecken die Wellen an den Füßen. Kleine bleiche Schaumkronen kriechen den Strand rauf. Beim Weglaufen ist Lisa immer wieder in anlaufenden Wellenspitzen getappst, die den Sand hochlaufen und sich wieder zurückziehen, bis spritzend die nächste nachdrängt. Dafür hat Lisa jetzt keine Zeit. Es ist ihr egal, dass jetzt Flut ist und das Wasser unmerklich immer höher kommt. Nur ihr Kleidsaum ist schon nass sandig und schwer.

Der Wind frischt schon den ganzen Morgen auf und die Brandung rauscht schon etwas drängender, aber noch Lisa schreit viel lauter vor Aufregung. „Linus zieh Leine!“ „Welche?“ Da ist schon ein neues Geschoss! Platsch! „Uuääääaaaaaaannnnaaaa!“ „Treffer. Versenkt,“ jubiliert Linus. Die Qualle rutscht an Lisa ab und hinterlässt eine feuchte Spur. Lisa schüttelt sich. Das Ist noch viel ekliger als sie sich das vorher vorgestellt hat. Glücklicherweise nesselt das Glibberding nicht so. Und die kleine Bärin hat noch mehr Glück. Linus setzt an und … der Stock bricht. Linus braucht ganz schnell Ersatz. Denn Lisa will Rache. Und Blutwurst. Jetzt flieht Linus.

Der schiefe Windschutz wird heute doch nicht halten, zumal Linus gerade - von seiner Schwester gejagt - dort hineinläuft. Der muss sich sofort wieder aufrappeln, denn Lisa jagt den blöden Quallenwerfer weiter. Die anderen Bären hatten bisher im Windschutz Pause gemacht und gedöst. Aber der nun zusammen gebrochen und droht überspült zu werden. Die großen Jungen gucken den kläglichen Rest an. Der Wiederaufbau lohnt sich nicht, weil die Flut immer dichter kommt. Also weiter in das Landesinnere. Lisa ist auch dafür, nur weg von den Glibberzeug.

Alle suchen inzwischen weiter oben am Strand eine Ausweichmöglichkeit. Linus hat die erste Strandgrasminidüne erklommen und winkt jetzt aufgeregt mit beiden Armen. Da steht doch eine Fahne am Strand. „Das ist ein Trockenklo für Seehunde“. Dort angekommen finden sie einen Sandring um eine hochgestellte Palette mit reingestellten Hölzern. Das macht das ganze ordentlich schwer und stabil. Daneben markiert eine hohe Stange mit flatternder Fahne und orangefarbener Fischerkugel die Strandburg. Die hat Linus schon so fast von der Wasserkante gesehen, auf dem ersten Hügel halt. Und das soll ein jetzt Pinkelplatz sein? Lisa rümpft die Nase und zieht hörbar die Luft ein. Sie riecht zum Glück nichts von diesem Trockenklo für die Meeresköter.

In Sichtweite zur Fahne errichten die Bären ihr nächstes Lager. Der Windschutz muss natürlich neu aufgestellt werden. Damit er diesmal nicht wieder sofort zusammen fällt, wird diesmal eine eigene Sandburg um die Stoffwand gegraben. Die kleine Bären bauen mit und Linus wirft im hohen Bogen den Sand auf den Wall. "Das muss man so machen, damit er sich gut verteilt und die Burg schön gleichzeitig wächst." Wenig später ist Marie ein Streuselkuchen. Sie hat die einzigartige Gabe, immer dort zu stehen, wohin der Sand fliegt. Zuhause in der Sandkiste oder hier, wo der der weltbeste Sandverweher wie eine Besessener arbeitet. Anna glaubt aber, dass die kleine Bärin ein noch bessere Pfützensucherin ist. Doch das Talent wird gerade nicht gebraucht, das Meer können sie von hier aus noch sehen und sonst ist der Strand trocken.

"Marie ist schon wieder eine Sandkugel." Linus ist begeistert und hat sofort eine neue Aufgabe für seine mächtigen Grabtatzen entdeckt: „Au ja! Jetzt sanden wir noch Kaninchen ein.“

Die Sandkugel schüttelt sich und spuckt noch ein wenig Knirschkram aus, der sich in den Mund gedrängelt hat. Heulen kann Marie auch später. Jetzt hilft sie erst einmal Linus mit großen Schaufelpfoten den Strand aufzuwirbeln. Der segelt dabei auch tatsächlich nicht nur nach oben. Einiges fliegt sogar in Richtung des kleinen Schlappohrs, das bei Lisa sitzt. „Anna, die werfen mit Sand.“

Kleine sandige Bären laufen wenig später zum Meer. Nachdem die wilden Sandwerfer den Strand gut durchgelüftet haben und verschüttete Kuscheltiere unter Protest an den Schlappohren aus den frischen Pudersandschichten befreit worden sind, gehen alle zusammen schwimmen. Denn die Großen passen doch besser auf die Kleinen auf. Kaninchen muss dafür auf die anderen Sachen aufpassen. Die kurzen Bären müssen sich schon durch die herankommenden Wellen kämpfen. Schnell ins Wasser, den wer zaudert, verliert. Dann ist das Wasser so kalt, dass der arme Frostköttel nie einen nassen Bauchnabel bekommt. Sie stürzen ins Wasser, das unter ihren Füßen dabei hoch spritzt, dann waten sie voran, bis sie die Arme hochnehmen müssen, um weiter zu kommen. Oder man paddelt wie Linus mit wilden Pfotenkreisen voran. Das spritzt gar fürchterlich und danach sind alle anderen auch nass. Immer wenn eine Welle kommt, trägt sie die Bären ein Stück nach oben, wenn man sich rechtzeitig vom Boden abstößt. Heute ist die Brandung aber schon so stark, dass die rollenden Wasserberge eine kleine Marie immer wieder beinahe umzureißen. Lausebär nimmt den Wasserfloh an die Hand. Die kleine Bärin juchzt. Wenn jetzt eine große Welle kommt, lässt sie sich einfach reinfallen. Der Wellenkamm nimmt sie mit, bis sie der große Bär wieder ran zieht und in die Luft hebt und langsam absetzt, bis sie wieder stehen kann.

Linus und Lisa müssen dafür hüpfen, um in den Wellenbergen nicht unterzutauchen. „Das ist aber 'ne Menge Arbeit,“ ächzt Lisa und verpasst den nächsten Sprung. Schon platscht die nächste Schaumkrone ihr mitten ins Gesicht. Sofort schmeckt der ganze Mund salzig. Sie prustet und spuckt, aber der scharfe Geschmack will nicht weichen. „Kaninchen hat Schwein, dass es am Strand geblieben ist. Es ist doch ein Süßwasserlangohr.“ Als Lisa vor Aufregung auch noch den nächsten Wellenhüpfer vergisst, muss sie wieder Salz spucken: „Kann man diesen blöden Salzwellen nicht auch anders ausweichen?“ Ein dunkler Bärenkopf mit Kappe taucht neben ihr in den Fluten auf: „Klar doch - lass dich auf dem Wasser treiben.“ Howard legt sich auch sofort auf dem Rücken flach auf das Wasser und zeigt den Kleinen einen toten Bären im Meer.

Bei den Wellen ist es aber nicht ganz einfach, so ruhig liegen zu bleiben. Also schwimmt Howard mit Linus etwas weiter raus, wo der Wellengang noch ruhiger ist. Lausebär folgt den beiden mit Marie auf den Schultern. Hier fällt der Boden nur sanft ab, so dass der große Bär noch lange mit den Füßen auf dem Grund stehen kann.

Anna und Lisa kehren lieber um und setzen sich zum Binnenkaninchen auf das Handtuch am trockenen Sandstrand. Da draußen muss Howard dem kleinen Petz noch mal den toten Bären in Rückenlage zeigen. Aber das reicht einem nautischen Genie noch lange nicht. Linus will eine wirklich erstklassige Wasserleiche auf dem Bauch sein. Wenig später muss der Kleine prustend aufgeben, weil er so doch keine Luft bekommt. Der große Bär nimmt ihn lieber ins Schlepp, bevor das weltbeste Treibgut ganz untergeht. Nachdem Linus wieder Luft bekommt, fragt er den Experten mit der Kappe: „Gibt es treibende Totbären auch mit Schnorchel?“ Danach verkündet er: „Auf dem Bauch ist sicher die beste Lage für Treibleichen. Wenn ich das dann kann, werde ich ganz weit raus schwimmen. Also mindestens bis zum nächsten Kontinent da hinten.“ Er zeigt auf die Insel mit Leuchtturm am Horizont, deren Schemen sich so flach über dem Wasser gerade eben im Dunst abzeichnen.

Danach müssen kleine Bären sich wegen der Sonnenstrahlen wieder anziehen. Zum ersten Picknick am Strand gibt es zu den Stullen wieder Früchtetee aus Bärenfrüchten: Himbären, Heidelbären und Brombären. „Das sind holländische Brummbären.“ Kleine Leckermäule wollen Ihren Tee natürlich mit Honig. „ Ich bin heute ganz getränkelig,“ verkündet Linus. „Nasshungrig,“ schnappt Lisa. „Das auch!“ Auf jeden Fall sind kleine Bären heute sehr durstig und schnell ist die Thermoskanne leer. So viel Tee will nicht gern herumspringen, in Bärenbäuchen schwappen oder Sandberge versetzen und wenig später schlafen die Kurzen erschöpft im Schatten des Windschutzes.

Lausebär und Howard nutzen die freie Zeit und stellen sich auf die nächste Erhebung mit Dünengrasbuschel. Sie üben den Holzblick. Dabei beratschlagen die beiden mit großen Pfotengesten, ob die Theorien auch stimmen. Wo ist hier das Holz? Gibt es Pricken? "Da ist doch schon eine Latte!" Sie laufen los und ziehen noch schnell ein Brett vom Spülsaum weiter auf den Sand, damit es kein Raub der See wird. Aufgeregt laufen sie über den Strand und stellen dabei alle Fundhölzer, die unterwegs aus dem Sand ragen oder flach in dunklen Senken liegen, aufrecht hin.

Linus blinzelt verschlafen unter seiner Decke hervor. Er sieht Lausebär und Howard über den Strand eilen. Und immer, wenn sie sich bücken, stecken sie danach eine senkrechte Markierung in den Strand. Wenig später ist der kleine Bär aufgesprungen und saust zu den großen Jungen Er tippt auf einen Hindernislauf. Die beiden schütteln nur den Kopf. „Was ist es denn dann?“ „Ein Geheimnis!“ blinzelt Howard ihm mit Verschwörermiene zu. Kaum zu glauben, aber selbst dem nautischen Fachbären wollen die Jungs nichts verraten. Linus ist entrüstet: „Ich bin doch Experte, ich muss das wissen!“ Die Jungs sagen trotzdem nichts. „Warum?“ „Weil es ein Geheimnis ist.“

Dennoch erzählt Linus danach Anna ganz genau, was hier überhaupt los ist. Das sind sicher Seezeichen für Flachwasserpiraten oder Strandräuber. Oder so etwas ähnliches. Doch bevor der nautische Fachbär das noch genauer erklären kann, wird es Zeit zurückzugehen.

Kapitel 9: In den Holzminen

„Da ist Norden.“ Linus schwenkt die linke Pfote senkrecht auf und ab. In der anderen Tatze hält der nautische Fachbär seinen Kompass. Eine lange Kordel schlingt sich um seinen Nacken, so dass das Präzisionsinstrument locker um den Hals hängt, wenn er nicht gerade schauen muss, wohin die Kompassnadel zeigt.

Die große Expedition hat begonnen und sie haben den bewachsenen Dünengürtel schon wieder hinter sich gelassen. Sie sind jetzt auf dem flachen Teilstück, bevor die sanften Erhebungen der Sandverwehungen des Kniepsandes beginnen. Die sechs Bären wollen wieder zum Lagerplatz von gestern und sind auf dem Weg zur Fahne vorne an der Wasserkante. Den allen bekannten Fixpunkt können sogar die kleinen Bären erahnen.

Aber ist das der richtige Weg? Linus überlässt das nicht dem Zufall. Er hat deshalb den Kompass mitgenommen. Damit kann man sich nicht verirren. Das erklärt er allen mehrmals. Von Zeit zu Zeit prüft er nun die Himmelsrichtung und zeigt dann in die Weite so in Richtung Leuchtturm: „Da ist Norden.“ Der liegt aber gar nicht auf ihrem Weg. Also gehen alle dann in der selben Richtung weiter wie zuvor. Auch Linus. Bis zur nächsten Peilung.

Sie kommen gut voran. Howard und Lausebär ziehen den Bollerwagen mit Handtüchern, Werkzeug und Proviant. Beide zwinkern sich zu. Den Bollerwagen zu mieten, ist ein guter Plan gewesen. Es ist viel bequemer, als noch mal die Rucksäcke schleppen. Sie spüren kaum das Gewicht, der Wagen rollt leicht über den festen Strand. Bis die erste Sandwehe auftaucht. Nicht nur, dass es plötzlich mehr Kraft braucht, den Wagen hoch zu wuchten. Die großen Räder sinken im weichen Sand ein. Obwohl die Jungen sich mit ausgiebigen Flüchen anfeuern, ist es wieder sehr anstrengend. Sie schwitzen wie Polarbären in der Sauna. Kleine Tropfen hängen schnell an den Fellspitzen über den Augen. Anna eilt zur Hilfe und mit vereinten Kräften schieben sie den Wagen durch den nachgiebigen Sand.

Der Bollerwagen wird auch nicht leichter, als Marie sich eine Schaufel holt. Gestern hat sie gesehen, wie Linus auf so einer Schaufel die Dünen runtergerutscht ist. Er hat den Stiel festgehalten und sich auf das Blatt gesetzt. Das hat so lustig ausgesehen, dass die Kleinste das jetzt nachmachen will. Linus hat heute keine Zeit für irgendwelches Dünenrutschen, er muss peilen. Also steigt Marie mit Lisa und Kaninchen auf die höchste Erhebung und tastet sich mit knappen Schritten zur steilen Abbruchkante vor. Alle drei beugen sich vor und schauen vorsichtig über den Rand. Hier geht es fast senkrecht wieder runter. Marie lächelt Lisa zu, das wird eine wilde Fahrt. Schon sitzt Marie auf der Schaufel und robbt mit beiden Füßen zur Kante. Sie hibbelt dabei so aufgeregt auf dem Blatt, dass die ersten Risse die Sandkante durchziehen. Lisa blickt nach unten. Sie prummelt Kaninchen wieder fester in die Jackentasche, aus der sich das kleine Schlappohr weit herausgelehnt hat, um besser sehen zu können. Es beunruhigt die Bärin, dass immer neue Spalten im Sand unter ihren Füßen entstehen. Auch der Boden scheint ein wenig nachzugeben. „Marie, wir sollten lieber wieder zurückgehen. Kaninchen kriegt sonst Angst.“

Aber Marie hört nicht und schiebt sich immer weiter über die Kante. Den langen Stiel hat sie fest gegriffen. Jetzt drückt die Kleine ihn nach vorn. Die Beine hängen in der Luft, dann kippt die ganze Fuhre nach vorne. Marie juchzt und saust los. Die ganze Düne saust mit. Lisa will noch „Marie, pass auf!“ rufen, da reißt sie der abrutschende Sand mit. Vorneweg reitet Marie auf ersten Sandwelle den Hang hinab. Die Augen strahlen, auch wenn die Kleinste sie ein wenig zukneift. Sie könnte schreien vor Freude, aber dann kommt Sand in den Mund.

Lisa könnte auch schreien, vor Angst, aber dann kommt auch Sand in den Mund. Sie und Kaninchen kugeln den Hang runter, pflügen durch den Sand. Er ist überall, knirscht zwischen den Zähnen, in der Kleidung, in den Ohren. Und er nimmt kein Ende. Als Lisa spuckend am Fuß der kleinen Düne auskullert, sucht sie zuerst nach Kaninchen, das in dem ganzen Durcheinander aus der Tasche gefallen ist. Marie wartet noch nicht einmal, bis Lisa fertig ist. Sie sieht noch viele Dünenhänge bis zur Fahne. Und die anderen Bären sind fast schon da. „Los Lisa, weiterrutschen.“ Sie zieht die Schaufel hinter sich her, als sie die nächste Anhöhe erklimmt. Lisa bleibt zurück. Marie soll doch machen, was sie will. Sie wird schon noch sehen, was sie davon hat. Wenn man den spitzen Freudenschreien glauben will, viel Spaß. Lisa ist das egal, sie klopft ihre Kleidung ab und schüttelt den Sand aus den Ohren. Jetzt ist das kleine Schlappohr dran. Als Lisa endlich bei den anderen Bären an der Fahne eintrudelt, puhlt sie Kaninchen immer noch Sand aus dem Fell. Länger braucht nur noch Marie, die von Anna abgeholt wird, sonst hätte sie den ganzen Tag glücklich weiterrutschen können.

„Und was machen wir jetzt?“ Die kleinen Bären wollen beschäftigt werden.

Howard und Lausebär haben nur auf diese Frage gewartet.

„Wir bauen eine Strandhütte.“

„Was soll denn das sein?“ Lisa stopft Kaninchen wieder in die Tasche.

„Eine Butze aus Holz und Tüchern,“ erklärt Lausebär. „Wie ein Baumhaus, nur am Strand halt.“

„Dann fangen wir sofort an,“ Linus zeigt auf ihren Fixpunkt. Da ist das erste Baumaterial. Er läuft zur Palette und beginnt an den vernagelten Brettern herum zu reißen. Marie klappert mit ihrem Leuchtturm hinterher und steigt an der Palette hoch, um zur Fahne zu kommen. Lausebär und Anna pflücken beide aus dem Holzgestänge. „Das dürfen wir nicht einfach kaputt machen. Vielleicht kommen die Leute, die das gebaut haben, wieder.“

Linus ist sauer: „Wenn denen das noch wichtig wäre, wären die jetzt auch hier.“

Anna bleibt hart: „Das ist aber immer noch Diebstahl.“

„Piraten dürfen das!“ mault Linus.

„Nicht, wenn es große Schwestern verbieten!“

„Aber wenn wir die Fahne nehmen, merken die Leute es vielleicht gar nicht, weil sie es nicht wiederfinden.“ Linus will wenigstens das flatternde Tuch.

„Dann fehlt uns der Fixpunkt auch. Die Fahne bleibt.“ Anna blickt dem kleinen Bären fest in die Augen. „Und außerdem hast du schon deine eigene Piratenflagge.“

„Deswegen darf ich doch auch klauen,“ muffelt der verhinderte Räuber. „Morgen ist die sicher weg.“

Dennoch müssen alle wieder einpacken und zwei Dünengrasflecken weiter ziehen. Linus trottet brummelnd hinterher.

Sie bleiben in Sichtweite, aber der Fixpunkt ist tabu. Die großen Bären richten wieder schnell den mitgebrachten Windschutz auf. Auch diesmal sieht das Kaufteil kümmerlich aus. Der Sand ist so weich, dass die Stangen kaum Halt finden und nach kurzer Zeit hängen die Tücher und Spannseile schlapp durch. Sie brauchen einen Schutz gegen Wind und Sonne hier draußen, aber eben eine feste Strandhütte. Das ist doch klar.

„Und womit bauen wir jetzt?“ Wenn sie die Palette und Fahnenmast nicht nehmen dürfen, sieht Marie hier nur Sand.

„Die Tücher liegen schon im Bollerwagen. Das Werkzeug zum Bauen haben wir auf die Insel mitgebracht,“ erklärt Lausebär mit strahlenden Augen.

„Und das Holz liegt hier! Überall!“ Howard zeigt mit großer Geste auf den Strand. „Das ist das Strandgut und wird vom Meer angespült. Wir müssen es nur finden und zusammentragen.“ Er zeigt auf die senkrechten Hölzer, die beide Jungen schon gestern hingestellt haben. Er ist froh, dass Lausebär und er schon mal was vorbereitet haben. Alle sind begeistert und wollen mitmachen. Eine Holzsuche klingt nach echten Abenteuern und ein Haus am Strand ist eine aufregende Idee.

Seit Howard das Buch „Villa Paradiso“ gefunden und es Lausebär gezeigt hat, wollen beide unbedingt ihre eigene Strandhütte aus Treibholz bauen. Das Buch zeigt viele Beispiele für solche Bauten und dazu noch Fotos von tollen Spielzeugen aus Strandgut. Unter den meisten Bildern steht „Amrum“. So ist beiden schnell klar – ein Nordseeurlaub kann nur auf Amrum stattfinden. Zum Glück ist es nicht schwierig gewesen, Anna davon zu überzeugen. Auch wenn sie ihr noch keine Einzelheiten verraten wollten. Und nun sind sie hier. Die eigene Hütte ist nur eine Frage der Zeit, denn sie haben alles immer wieder in Gedanken geplant und sind vorbereitet.

Doch zunächst brauchen sie Holz. Sie werden sich aufteilen und in verschiedene Richtungen gehen, damit sie mehr Strand sichten können. Marie und Linus begleiten Howard. Anna und Lisa bilden das zweite Team und Lausebär will sein Glück allein versuchen. Zuvor sammelt er erst mal die senkrechten Zufallsfunde vom Vortag ein.

„Kein Holz zu sehen.“

Marie steht auf einer kleinen Sanddüne. Anna und Lisa sind schon kleine Punkte auf dem Strand.

„Hier gibt es nur Sand und Gras.“

Marie hat sich das mit der Holzsuche leichter vorgestellt.

„Hier ist es! Ich hab es gefunden.“ Linus ruft aufgeregt aus dem nächsten Dünental. Über seinem Kopf schwenkt er am ausgestreckten Arm einen kleinen Stock, den er gerade aus dem Sand gezogen hat. „Haha! Hier steht der große Holzinspektor.“

Howard schüttelt nur den Kopf: „Linus, der Stock ist doch viel zu klein.“

„Aber hier ist sicher noch mehr!“ Der große Holzinspektor zeigt auf den Fundort im Sand. „Wenn wir weitergraben, finden wir die ganze Holzmine.“

Er fängt an, mit den Pfoten im Sand zu buddeln. Schon bald muss er einsehen, dass Howard recht hat. Nach dem kleinen Ast kommt kein weiteres Holz. Enttäuscht läuft er Marie und Howard hinterher, die schon weitersuchen.

Marie achtet genau darauf, mit Howard Schritt zu halten. Immer wenn er stehen bleibt, um mit zusammengekniffenen Augen die Umgebung abzusuchen, stellt die Kleinste sich neben ihn. Und versucht die Augen auch ganz schmal zu machen. Dann sieht sie erst mal gar nichts.

„Hast du schon meinen neuen Leuchtturm gesehen?“ Marie ist so ungeheuer stolz auf ihren kleinen Holzanhänger. Er klappert bei jedem Schritt, seit Anna ihn heute morgen mit einer Klammer an ihrem Hemd befestigt hat. Immer wenn sie läuft, schwingt der hölzerne Leuchtturm aufgeregt wedelnd hinter Marie her. Und wenn sie steht, nestelt sie versonnen am Band. Jeden der anderen Bären hat sie schon mehrfach gefragt, ob sie den Leuchtturm auch bemerkt haben. Sie haben ihn natürlich alle gesehen. Auch Howard sieht ihn.

„Mein Leuchtturm ist toll.“

„Ja, Marie.“ Howard ist offensichtlich abgelenkt. Er wartet bis Linus wieder aufgeschlossen hat.

„Wieso liegt hier überhaupt Holz?“ Linus hat die beiden erreicht und will wissen, wie sie eine Hütte bauen wollen, wenn keine Holzminen unterm Strand liegen.

Howard zeigt auf die gleißende Nordsee: „Das wird hier vom Meer angeschwemmt. Irgendwo fällt es ins Wasser oder eine wilde Welle nimmt es mit. Die Strömung trägt es durch die See und irgendwann liegt die Insel im Weg. Dann wirft das Meer das Holz hier auf den Strand. Deshalb liegt es auch nie auf einem Haufen.“

„Und wieso liegt dann das Holz mitten im Strand und nicht nur vorn beim Wasser.“

„Das hängt mit Ebbe und Flut zusammen,“ antwortet Howard.

„Das ist das, was das Wasser immer wegmacht?“ mischt sich die Kleinste ein.

„Ja, Marie. Die Flut bringt das Holz und die Ebbe zieht es wieder aufs Meer hinaus. Deswegen bleiben nur die Bretter, die die See hoch genug auf den Strand wirft. Also immer dann, wenn die Flut ein wenig höher steigt als üblich.“

„Wenn die hier länger herumliegen, hat die sicher schon jemand mitgenommen.“ Linus lässt die Schultern hängen.

Howard beeilt sich, ihm wieder Hoffnung zu geben: „Das Strandgut sieht man nur nicht auf den ersten Blick. Wenn es länger herumliegt, treibt der Wind Sand darüber. Dann ist es kaum zu erkennen.“

„Dann werden wir ja nie genug Holz für eine Hütte finden!“ Linus macht sich ernste Sorgen. Vielleicht ist die ganze Sache nur verlorene Zeit...

„Keine Angst, wir müssen nur richtig gucken. Schaut euch die Spülsäume an. Achtet auf dunkle und gerade Kanten im Sand. Manchmal sind es nur Tangreste, aber oft auch Holzstücke oder anderes Strandgut.“

Endlich haben sie Glück. Howard zieht eine prächtige Latte aus dem Sand. Marie findet auch ein Brett, das sie stolz zu Howard trägt. Und der große Holzinspektor kräht über den Strand:

„Meins ist das Größte! Ich hab´s ja gleich gewusst, hier ist das beste Stück!“ Linus hüpft aufgeregt auf und ab. „Wir müssen meinen Namen draufschreiben. Damit jeder weiß, wer es gefunden hat.“

Natürlich ist es viel schwer für den kleinen Bären. Aber Howard hat eine Idee. Linus soll das Stöckchen holen, das eben viel zu klein war. Der Ältere scheint auch etwas zu suchen.

Als Linus außer Atem zurück zu seinem Fund kommt, wartet Howard auf das Stöckchen. Er hat inzwischen ein Stück geflochtenes Band aus Algenresten herausgepult. Es ist Knallorange, aus Plastik und richtig stabil. Ursprünglich war es Teil eines Fischernetzes, jetzt ist es nur noch Strandgut.

„Das wird ein Zugtampen und deinen Stock, Linus, binden wir als Handgriff dran. Mit einem Seemannsknoten – die halten und gehen nicht wieder auf.“

Howard zeigt den kleinen Bären, wie man solche Knoten macht. Und immer, wenn er mit ein paar geschickten Handbewegungen die Seilenden neu verflochten hat, sieht das Geschlinge anders aus und bekommt einen anderen Namen. Er zeigt ihnen einen Kreuzknoten, einen Webeleinstek, ein Slipstek und schließlich sogar einen Palstek. Jedes Mal lässt er die Kleinen ordentlich dran ziehen, ob der Knoten auch wirklich hält. Genauso schnell knüpft er die gerade entstandene Arbeit wieder auf, um die nächste Verbindung zu zeigen. Dazu summt er beschwingt eine Melodie, die man unter allem Gebrummel für einen Seemannsshanty halten könnte. Marie und Linus folgen der Vorführung mit offenen Mündern und zerren so fest sie können am Band. Howard hält inne. Die Begeisterung hat ihn davongetragen. So viele komplizierte Knoten können sich die Kleinen doch nie merken. Deshalb sucht er was Einfaches: Zwei Schlingen übereinander geschoben - das sollte gehen.

„So, das sind zwei halbe Schläge. Jetzt seit ihr dran.“ Marie und Linus wollen beide anfangen. Sie drängeln sich um die Schnur. „Du kriegst gleich zwei ganze Schläge, wenn du nicht abhaust.“ Der kleine Pirat funkelt seine Schwester an. Die lässt sich nicht einschüchtern.

„Ich darf aber zuerst, weil ich die Kleinste bin.“

„Coole Knoten sind aber was für Seebären.“ Linus betont die Seebären besonders, damit Marie kapiert, dass keine Seebärinnen und erst recht nicht winzige gemeint sein können.

Trotzdem darf Marie anfangen. Grummelnd stapft Linus davon. Dann wird er sich seine eigene Strippe suchen.

Marie stürzt sich mit Feuereifer in die Arbeit. Mit dem orangenen Band umschlingt sie die Bretter. Eine Schlinge, durchfädeln und wie jetzt? Ach ja, noch eine zweite Schlinge. Mit der Zungenspitze begleitet sie jede Windung des Bandes. Nur noch ziehen und - ups – die Bretter fallen wieder auseinander. Die Schnur, die sie in ihrer Pfote hält, tänzelt frei im Wind.

Nächster Versuch, Holz umwickeln, Schlinge machen, Ende durchziehen und die zweite Schlinge – wie gemein - löst schon den ersten Knoten. Das ist es auch nicht. Marie ist ratlos, es hat doch so einfach ausgesehen.

„Howard, was nun?“

Gemeinsam unternehmen sie noch einen Versuch. Nur schlägt der große Bär nach der ersten Schlinge eine neue Variante vor. Mit zwei Schlaufen zum Festziehen. Eine Schleife, wie morgens Anna ihre Schuhe festbindet. Das ist viel besser. Howard knüpft die Enden zusammen und Marie hat die höchstwichtige Aufgabe, die erste Schlinge festzuhalten. Schnell noch die kleine Pfote rausziehen und fertig. Der Knoten hält. Damit ist der schwerste Teil erledigt. Das zusammengebundene Holz muss Howard jetzt nur noch zum Sammelplatz ziehen.

Linus strahlt, als er wiederkommt. Er hat seinen eigenen Tampen aus dem Sand gezogen und von den mit Seetang verfilzten Muscheln befreit. Zwei halbe Schläge sind seine Sache nicht. So hat er neue Knoten erfunden, die die Seefahrt für immer verändern werden. Hunderte bis jetzt unbekannte Knoten, die millionenfach besser halten als alle bekannten Befestigungen zusammen. Zwei hat er schon mal mitgebracht: den Konteradmiral-Linus-Spezial-Super-Steg und den wahnsinnigen Weltraum-Wunder-Knoten mit sechsfacher Sonder-Sicherung. Stolz hält er in jeder Pfote zwei monströse Wuhlings, die fast so lang sind wie Linus. Marie wird ganz schwindelig, als sie versucht, dem Verlauf der einzelnen Fasern zu folgen. Solche Knoten hat noch keiner gesehen, was? Die muss Linus auch Lausebär zeigen. Und wieso sollte er sie irgendwann wieder aufmachen.

Mit reicher Beute machen sie sich auf den Rückweg.

Marie stolpert fast wieder über den Saum ihres Hemdchens. Es ist ihr viel zu groß, sie soll da erst reinwachsen. Solange hängt das Stoffende ständig frech unter ihren Füßen und bringt sie immer in Schwierigkeiten.

Dann will Marie ganz schnell auch eine große Schwester sein. Wie ihre Schwestern. Und nicht deren Sachen auftragen. Die sind so riesig. Weil sie da ja noch reinwachsen soll. Wenn sie das geschafft hat, kommen neue Kleider – wieder so riesig. Dann soll sie da reinwachsen.

Aber, wenn sie jetzt die große Schwester wäre, am besten die größte Schwester. Dann müssten ihre Schwestern Maries Sachen auftragen. Die könnten auch mal in was reinwachsen und über die Enden von den Hemden stolpern...

„Marie, wo bleibst du?“

Anna und Lisa erkunden den Strand in einer anderen Richtung. Sie sind wieder zur Pfahlreihe gegangen, die bis zur Wasserkante reicht. Die aufgestellten Pfosten teilen den Strand in die freie Zone und das Vogelschutzgebiet. Kleine gelbe Tafeln erheben die Rundhölzer zu öffentlichen Wächtern, die den Zutritt ins Rast- und Brutgebiet der Wasservögel verwehren. Damit sind sie leider kein Strandholz, das die Bären mitnehmen können. Viele Fußspuren im Sand führen geradewegs in die verbotene Zone. Scheinbar darf man also doch weitergehen. Man muss nur ganz vorsichtig sein. Wenn man so einen Vogel denn überhaupt sehen würde.

„Also Kaninchen, warum ist das ein Vogelschutzgebiet, wenn keine Vögel da sind? Aber Holz gibt es hier auch nicht. Oder siehst du was?“ Lisa hält Kaninchen am ausgestreckten Arm in die Luft. Damit Kaninchen noch weiter gucken kann.

Anna ist schon wieder voraus. „Lisa, komm endlich. Du kannst mit Kaninchen auch hier weiterquatschen.“

Abgesehen davon, dass sie ständig ein Auge auf die kleine Kaninchenträgerin haben muss, ist es wieder ein perfekter Tag. Sie könnte immer weiter laufen. Bis nach vorn, wo der Sand vom Wasser dunkel durchtränkt ist. Ständig treibt eine sanfte Brandung die Wellen den Strand hoch, bis sie kraftlos zurückrollen. Der Boden ist hier fester und entlang des Meeressaumes ist das Gehen leicht. Anna sieht einen langen, langen Weg vor sich. Nur Wind, Sand und Wellen. Wenn es nach ihr ginge, könnten sie auch erst morgen mit der Hütte anfangen. Aber das gäbe einen Aufstand.

Anna dreht den Kopf und der Wind zieht das Fell nach hinten. Der leicht scharfe Geruch des Meeres wird intensiver. Sie saugt ihn bedächtig ein.

„Lisa, du langweilige Triene, komm!“ Weil sie stillsteht, sacken ihre Füße langsam in den Sand. Schon rieselt der Sand von den Rändern ihrer Fußabdrücke zur Mitte. Gleich werden ihre Pfoten verschwunden sein. Wenn sie sich jetzt nicht bewegen würde, wie tief würde sie sinken?

„Kaninchen sieht auch nichts.“ Lisa zeigt auf das kleine Schlappohr, das sie mit in ihren Halsausschnitt gestopft hat. So kann es die ganze Zeit mitsuchen. „Aber wir müssen doch was finden. Sonst stehen wir nachher als einzige mit leeren Pfoten da. Das wäre doch blöd!“ Lisa atmet tief durch und blickt Anna bettelnd an.

Also werden sie nicht erst morgen anfangen. Anna seufzt und konzentriert sich wieder auf die Aufgabe. In der Ferne sehen sie Lausebär mit großen Brettern hantieren. Sie sind wohl wirklich die einzigen, die noch kein Erfolg vorweisen können.

„Gut Lisa, lass uns mit System suchen und nicht nur hin und her laufen. Wir bleiben da, wo Seetang liegt oder bei den Erhebungen mit Dünengras. Ich laufe links und du mit Kaninchen ein paar Schritte entfernt davon. So durchkämmen wir einen größeren Bereich und vier, äh sechs Augen sehen mehr.“ Lisa und Kaninchen sind ganz hingerissen von dem Plan. So wird es gemacht und sie kommen gut voran. Anna muss nur aufpassen, dass Lisa nicht zuviel mit Kaninchen diskutiert und dabei das Gehen vergisst.

Mit Annas Suchsystem finden sie einen Plastikdeckel von einem Mayonaisen-Eimer, zwei linke Gummihandschuhe in leuchtendem Orange und ein kleines Brett mit abgebrochenen Enden. Ein großer, krumm gehauener Nagel steckt mitten im Holz. Das Salzwasser hat ihn rosten lassen. Das dünne blaue Tau, das sie auch aus dem Sand gezogen haben, binden sie daran fest. Lisa strahlt: „Anna, das sind doch tolle Sachen und vielleicht findet Kaninchen ja auch noch einen rechten Handschuh.“ Es stört die kleine Bärin überhaupt nicht, dass kein Fundstück beim Bau der Strandhütte nützt. Wenn sie Anna nicht beim Ziehen des Brettchens hilft, hält sie den Eimerdeckel wie ein Lenkrad in den ausgestreckten Pfoten und brummt den Weg zurück.

„Lisa, pass auf die Vögel auf.“

„Welche Vögel? Das ist hier ein Gebiet, das vor Vögeln schützt.“ Lisa lenkt ein wenig nach rechts, damit die Richtung wieder stimmt.

Erst als sie die Pfahlreihe wieder passieren und in die freie Zone kommen, sehen sie schwarzweiße Vögel mit langen roten Schnäbeln. Sie laufen aufgeregt umher und schimpfen laut. Sie nähern sich den Bären, um dann mit großem Geschrei zur Seite auszuweichen. Immer wieder.

„Das sind Austernfischer, Lisa. Die müssen hier irgendwo ihr Gelege haben.“ Anna schaut sich um, sie will nicht aus Versehen auf die kleinen, gesprenkelten Eier treten, die hier irgendwo fast ungeschützt im Sand liegen.

„Hier ist doch unser Teil des Strandes. Wissen die denn nicht, wo die brüten müssen.“ Lisa zeigt auf die Dünen hinter den Holzpfosten. Aber Kaninchen muss aufpassen und die kleine Bärin brummt die nächsten Meter ganz vorsichtig. Bis sich diese Dummvögel wieder beruhigen. Mit lautem Hööön beschleunigt Lisa auf Höchstgeschwindigkeit und steuert den Windschutz an, wo die anderen Bären schon warten.

Die ersten Funde werden von allen bestaunt und die stolzen Finder gebührend bewundert. Dann ist es Zeit für eine Pause hinter dem Windschutz. Anna verteilt Honigkuchen und Früchtetee. Besonders achtet sie darauf, dass die Kleinen auch genug trinken. Die wollen aber wieder loslaufen und weitersuchen. Es gibt doch noch so viele Schätze hier.

Lausebär will immer noch allein suchen. Dafür findet er auch das Stück, das auf alle den größten Eindruck macht. Er wuchtet die abgebrochene Spitze einer Pricke über den Sand. Das wird ihr eigener Fahnenmast über der Hütte. Es gibt keinen anderen Platz für Fischli, den Windsack. Da lässt Lisa nicht mit sich reden. Die Piratenflagge darf höchstens an hohen Feiertagen auch mal wehen.

Alle Fundstücke werden auf einen Haufen gelegt, der an diesem Tag noch ordentlich wächst. Immer wieder zählen Howard und Lausebär die langen und stabilen Bretter oder Latten. Sie benötigen mindesten zehn oder besser zwölf Hölzer, die das Grundgerüst der Hütte bilden sollen. Am Ende sind es so viele, dass sie sich die schönsten Teile aussuchen können. Und für eine Wand finden Lisa und Anna sogar die fast vollständige Seite einer Apfelsinenkiste. Diesmal muss Lisa den ganzen Weg mitziehen, sonst hätten sie das sperrige Stück liegen lassen müssen. Auf die Beute des ersten Tages sind alle stolz.

Inzwischen nähert sich die Sonne dem Horizont. Die Glieder sind schwer. Die kleinen Bären haben sich müde in den langen Schatten des Bollerwagens verkrochen. Auf die großen Bären wartet noch Arbeit. Sie graben in der Nähe des Holzhaufens ein Loch und packen dort die übriggebliebenen Vorräte und das Werkzeug ein. Das wollen sie nicht jeden Tag auf den Strand hinaus schleppen. Danach schließen sie das Loch und streuen Pudersand locker darüber. Damit kein Fremder ahnt, wo er buddeln muss. Zum Glück denkt Lausebär noch rechtzeitig daran, eine Markierung zu suchen. Ein Gruppe von Dünensandbüscheln in der Nähe des Holzhaufens ist ungefähr vierzehn Schritte vom Versteck entfernt.

Der kümmerliche Rest des Windschutzes krümmt sich jetzt nur noch knapp über den Boden. Die Spannseile halten schon lange nichts mehr und ringeln sich schlaff um die Stangen. Es ist der ständige Wind, der die Stangen aus dem feinkörnigen Sand drückt, bis sie keinen Halt finden. Als kurz darauf die schiefe Stoffwand endgültig zusammenfällt, bekommen es die kleinen Bären schon gar nicht mehr mit. Sie schlafen erschöpft im Bollerwagen unter einer Decke. Sie wachen noch nicht einmal auf, als sie von den großen Bären in dem Karren mühsam durch die Dünen heim gezogen werden.

Erst als die Jungen den Bollerwagen über die Holperstrecke von Köhn´s Übergang ziehen, blinzelt Marie verschlafen und murmelt im Halbschlaf: „Wartet das Holz bis morgen?“

Kapitel 11: Das Haus am Strand

Endlich sind sie wieder unterwegs zu ihrem Strandplatz. Inzwischen kommt Lisa der Weg über den Kniepsand schon viel, viel kürzer vor. Es kann gar nicht schnell genug gehen. Inzwischen weiß sie ja auch, wo es hingeht.

Ein dunkler Punkt auf dem Sand gibt die Richtung vor. Jedes Mal, wenn sie wieder eine kleine Erhebung hochgeklettert ist, versucht sie ihn zu erspähen. Neben ihr blinzeln Linus und Marie um die Wette in die Sonne. Auch sie suchen das Holzlager. Keiner der drei kann es erwarten, der erste am Bauplatz zu sein. Immer wieder müssen sie die Großen antreiben. Die sind ja so langsam. Anna kann kaum Schritt halten. Aber hintendrein kommen noch Howard und Lausebär, die den schwer beladenen Bollerwagen über die kleinen Sanddünen ziehen müssen. Weil sie längst gemerkt haben, dass jede Anhöhe in dem weichen Sand unglaublich viel Kraft kostet, versuchen sie in den Tälern zu bleiben, wo der Sand fester ist. Die Schlangenlinien, die sie dadurch fahren, machen den Weg nicht kürzer. Linus läuft zur zurück, um die beiden anzufeuern. Als sie ihm vorschlagen wollen, mitzuziehen, ist er aber schon längst wieder weg. Sonst sind die kleinen Schwestern doch die Ersten.

Die anderen haben schon Pause gemacht, als Howard und Lausebär mit dem Bollerwagen ankommen. Die kleinen Bären sind schon wieder fit und wollen wissen, wie es weitergeht. Die Hütte aufbauen, ganz schnell. Sie sind schwer enttäuscht, dass Howard und Lausbär erst in Ruhe vorbereiten und sortieren wollen.

Die beiden beginnen damit, dass sie das Holz auseinanderziehen. Gestern haben die Bären ihre Funde wild durcheinander zu einem großen Haufen zusammengestellt. Umso höher und eindrucksvoller, umso besser. Jetzt legen Lausebär und Howard alle Hölzer nebeneinander. Dann betten sie einzelne Latten um. Stück für Stück. Schließlich liegen auf der einen Seite alle langen und dicken Bretter und der Kleinkram auf der anderen. Nachdem die kleinen Bären die Ordnung verstanden haben, helfen sie eifrig mit. Nur Linus besteht darauf, die Bretter nach Wichtigkeit aufreihen zu wollen. Und seine Fundstücke sollten zu Anfang liegen.

Anna würde gern mithelfen, aber die Vorräte aus dem Bollerwagen müssen zusammengesucht und im Sand gesichert werden, damit sie weder zuwehen noch davonfliegen. Auch der im Sand vergrabene Proviant und die Werkzeuge müssen wieder ausgebuddelt werden. Die anderen fragen, warum Anna ein Loch gräbt. Als sie wissen, dass es nur um die Sachen von gestern geht, darf Anna allein weitermachen. Aber morgen ist jemand anderes dran.

Endlich liegen alle Bretter mehr oder weniger wichtig in einer Reihe im Sand. Jetzt wird aber schnell die Hütte gebaut, oder.

Nun beinahe, denn Howard und Lausebär wollen erst noch das Werkzeug auspacken und bereit legen. Alles wird aus dem Bollerwagen geholt und zu den von Anna ausgegrabenen Gerätschaften gepackt. Dann wird es ausgiebig begutachtet. Dazu legen sie jedes Stück sorgfältig ausgerichtet auf eine ausgebreitete Decke.

„Seid ihr bald fertig?“ Lisa versteht nicht, dass diese langwierige Vorbereitung für die beiden großen Bären schon die erste Freude am Hüttenbau ist. Mit jedem Teil steigt ihre Erregung, wenn sie sich vorstellen, was sie mit dem einzelnen Werkzeug bauen können.

„Fast, jetzt fehlen nur noch die Heringe.“

„Das sind doch keine Werkzeuge!“

„Die werden in den Boden getrieben, damit wir daran Spannseile befestigen können. Ohne Heringe fällt die ganze Hütte um wie ein Kartenhaus.“

„Wir hauen Fische in den Sand, iihh!,“ Lisa rümpft die Nase. „Die sind doch weich und glitschig.“ „Und stinken,“ ergänzt Linus.

Doch die Heringe, die Howard aus einem Leinenbeutel zieht, sind lange Nägel aus Metall. Sie haben unten eine Spitze und oben eine Öse. „Das sollen Heringe sein?“ Lisa sieht das Ganze als einen weiteren Beweis, dass die Küstenbewohner eine merkwürdige Geheimsprache erfunden haben, die sie verwirren soll.

„Aber jetzt geht es doch los!“ drängt die kleine Bärin.

„Jetzt geht´s los! Jetzt geht´s los!“ echoet die kleinere Marie.

„Ja, jetzt machen wir einen Plan!“ Howard grinst von einem Ohr zum anderen. Einen Plan machen zu können, ist noch aufregender als das Sortieren der Werkzeuge. Das sehen kleine, ungeduldige Bären ganz anders.

„Was ist denn das für ein Plan?“

„Ein Plan zeigt uns, wie die Hütte später aussehen soll,“ erklärt Lausebär. „Ein Plan hilft bei der richtigen Reihenfolge der Schritte und wir vermeiden Fehler.“

„Wir wollen aber so anfangen.“ Die Kleinen protestieren. „Einfach Drauflosbauen ist viel spannender.“

„Jetzt geht´s los! Jetzt geht´s los!“ Marie wird lauter. Und Lisa nöhlt:

„Ist doch doof, wenn man schon vorher weiß, wie es aussieht.“

„Wir machen einen Plan!“ Die beiden Jungen lassen sich ihren Spaß nicht verderben. Lausebär nimmt einen langen Stock und beginnt Striche in den Sand zu ziehen. Die ersten liegen alle nebeneinander und berühren sich nicht. Dann zeichnet er Querstriche, die die anderen verbinden. Als sich alle neben Lausebär stellen, erkennen sie langsam eine Hütte. Howard steht am Holz und vergleicht Lausebärs Striche mit den vorhandenen Latten und Brettern. Einige Striche muss Lausebär ändern, weil Howard kein passendes Holz findet. Lisa und Linus finden das Spiel doch gar nicht so schlecht. Lisa kneift die Augen zu und blinzelt, um sich in den Strichen besser eine Hütte vorstellen zu können. Für Linus ist das Alles noch viel zu lahm. Da muss ein Hochsitz her und eine Aussichtsplattform. Marie hat ein kurzes Hölzchen genommen und zeichnet für die Hütten Blumen in den Sand. Und Vögel. Die brauchen aber ein Vogelhaus. Dann will Lisa für Kaninchen auch ein Zimmer und mehr Fenster mit Vorhängen. Aber nicht auf dem Enterdeck. Das ist für Piraten und hat kein Weiberkram. Linus hat auch einen Stock gegriffen und ergänzt Lausebärs Hütte mit wilden zackigen Auswüchsen.

„Da müssen wir erst noch mehr Holz sammeln.“ Lausebär bremst die ausufernden Ideen der Drei. „Im Moment reicht es gerade für eine einfache Hütte mit einem Fenster und Dach.“ Er macht eine bedeutungsvolle Pause: „Und einen Fahnenmasten.“

„Das ist ja langweilig.“ Kleine Bärenmundwinkel hängen nach unten. „Dafür brauchen wir keinen Plan.“ Linus und Lisa stapfen mit den Füßen auf dem Boden. Und noch mal, damit es eindrucksvoller wird. „Nie wird gemacht, was wir wollen.“ Marie stapft jetzt mit. „Ihr seid blöd.“

Auch Anna hat einige Ideen für die Hütte. Aber während kleine Bären keine Zeit haben, hält sie sich zurück. Sie kennt die beiden Jungen und weiß, dass sie im Moment „ihr Ding durchziehen“ wollen. Sie kann warten und rechtzeitig in den kommenden Tagen dafür sorgen, dass die Strandbutze ein paar praktische Einrichtungen bekommt. Nur schade, wie wenig Lausebär und Howard auf die Wünsche der Kleinen Rücksicht nehmen.

Deshalb können die beiden Hüttenbauer auch alleine die Löcher für die Hüttenpfosten graben. Wenn sie schon nicht mitreden dürfen, haben Lisa, Linus und Marie auch keine Lust zu helfen. Nicht das Lausebär und Howard darüber richtig böse wären. Sie suchen die nächste Erhebung und fangen an, den ersten senkrechten Pfahl zu setzen. Wenn die ein Loch buddeln, können das Linus und Marie erst recht. Sie setzen sich daneben und beginnen, eine Sandburg zu bauen.

Beide buddeln mit Kinderschaufel und Pfoten wie die Weltmeister. Der Berg zwischen ihnen wächst schnell. Leider rutscht er auch schnell wieder in sich zusammen, weil Marie am Liebsten Zuckersand einbaut. Doch unter der feinen weißen Deckschicht wird der Sand schnell dunkel und feucht. Der hält so gut, dass man an die Gestaltung der Burg gehen kann. Ein Turm entsteht, ein Wehrgang wird angelegt und eine Zufahrt in den Sand geebnet. Damit der Burggraben vollständig um die Burg führt, wird in die Rampe eine Öffnung gegraben.

Lisa und Kaninchen wollen auch mitspielen. Sie sollen ihre eigene Burg bauen. Dann kann man sich besuchen. Aber weil Anna nicht mithilft, sieht die Lisa-Burg doch blöd aus. Menno, das Schlappohr soll aber auf der guten Burg sitzen. Anna würde die gute Burg aber noch viel besser gefallen, wenn sie mit kleinen Muscheln geschmückt wäre. Kaninchen, das schon auf dem Turm thront, findet das auch. Lisa geht mit Anna auf Muschelsuche. Linus und Marie bauen inzwischen eine zweite Mauer um den Burggraben.

Die beiden Hüttenbauer haben den ersten Pfosten aufgestellt und ermitteln gerade den Abstand für den nächsten Pfahl. Wenn sie ihn zu dicht an den ersten setzen, wird die Hütte zu klein. Zu weit weg und das Tuch für die Wand reicht nicht. Sicherheitshalber messen die beiden die Entfernung noch mal in Schritten und legen den Querbalken bereit. Sie achten kaum auf die kleinen Bären, die für die größte Sandburg der Welt zwischen ihren Beinen umherwuseln. Da lernen Howard und Lausebär die Tücken des weichen Amrumsandes kennen.

Sie heben gerade das zweite Pfostenloch aus dem weichen Sand. Die beiden müssen einen weiten Trichter graben, weil immer wieder Material nachrutscht. Deshalb sehen sie nicht, wie Marie versucht am ersten Pfeiler hochzuklettern, damit sie einen besseren Blick auf ihre Burg bekommt. Linus gräbt inzwischen einen Tunnel. Jede Burg braucht einen Geheimgang. Und dieser wird so lang, das er auf der anderen Seite der Erde in Australien endet. Die Grabung wird jäh beendet, als Marie mit dem Pfosten in die Burg stürzt. Der Balken saust zwar knapp am weltbesten Tunnelbauer vorbei, aber Kaninchen hat weniger Glück. Es wird aber vom Burgfried gefegt und in den einstürzenden Mauern der stolzen Festung begraben.

Lausebär und Howard eilen sofort zu Hilfe, können aber bei zwei weinenden kleinen Bären nicht feststellen, ob jemand wirklich verletzt ist. Erst Anna, die mit Lisa sofort kehrtgemacht hat, kann klären, das alle zum Glück mit dem Schrecken davongekommen sind. Alle - außer Kaninchen.

Lisa vermisst das kleine Schlappohr. Es muss noch in der Burgruine unter dem umgestürzten Pfosten liegen. Sofort wird ein Bergungsteam gebildet und die Rettung läuft an. Die beiden großen Jungen heben den Balken beiseite und die kleinen Bären beginnen den Sand darunter zu durchwühlen.

Endlich legt Marie den Purzelschwanz frei und kurz darauf ist der ganze kleine Körper vorsichtig aus dem Sand gezogen. Lisa hüpft besorgt von einem Bein auf das andere. Geht es ihrer kleinen Freundin gut? Oder ist sie schwer verletzt? Was dauert so lange?

Nach eingehender Untersuchung verkündet Anna, Kaninchen hat nur eine leichte Gehirnerschütterung und braucht Ruhe. Sie legt ihm einen Kopfverband an und bettet es in das weiche Strandtuch im Bollerwagen. Dort liegt der kleine Patient im Schatten und wird eifrig umsorgt von einer erleichterten Lisa.

Inzwischen versuchen Howard und Lausebär Anna zu erklären, wie es zum Unglück kommen konnte. Eigentlich sind es nur ungünstige Umstände. Der Sand ist weich und eine Erhebung bietet weniger Halt. Sie könnten beim nächsten Mal tiefer graben und schnell die Balken untereinander sichern, bevor die kleinen Bären wieder draufsteigen. Dann hält das Gerüst das auch aus...

Anna will sich aber auf keine Einzelheiten einlassen. Bevor wirklich noch jemand erschlagen wird, müssen die beiden auf die nächste Minidüne umziehen und von vorne beginnen. Und gefälligst ein Auge auf die Kleinen haben.

Die haben keine Lust mehr, eine neue Burg zu bauen. Linus will nur den Tunnel nach Australien weitergraben. Aber Marie stapft laut singend auf den Burgresten herum, um sie weiter einzuebnen. Dadurch stürzt der frisch gebuddelte Gang immer wieder ein. Linus ist sauer. Er versucht seine blöde kleine Schwester von der Ruine zu schubsen. Bevor ein richtiger Streit entsteht, greift Anna lieber ein und überredet die beiden, mit ihr Holz suchen zu gehen. Dann könnte man eine viel schönere Hütte bauen, als Howard und Lausebär bis jetzt planen. Begeistert kommen Linus und Marie mit. Nur Lisa will lieber bei Kaninchen bleiben.

Eine Sanderhebung weiter entsteht das neue Holzgerüst. Erst die senkrechten Pfosten, diesmal mit ganz tiefen Fundamenten, die weit in den nassen Sand reichen. Und zur Sicherung nageln die beiden Jungen schnell Querlatten ein.

Kaninchen geht es schnell schon viel besser. Der Verband kann wieder ab.

Lisa holt ihr Kuscheltier aus dem Krankenlager und übt noch einmal die Rettung. Kaninchen wird bis zum Hals im Sand eingegraben, an den Ohren gerettet und wieder fast sandfrei geklopft. Und das Ganze wird zur Sicherheit noch mal wiederholt. Und jetzt?

Die kleine Bärin langweilt sich.

Kapitel 12: In den Nagelbetten

„Was macht ihr?“ Lisa hat sich hinter Howard und Lausebär aufgebaut.

„Wir bauen die Hütte.“

„Immer noch?“ Die Bärin langweilt sich.

„Es wird noch etwas dauern,“ brummelt Howard.

„Warum?“

„Weil sie noch lange nicht fertig ist.“ Lausebär guckt noch nicht einmal. „Es fehlt doch das ganze Dach. Und ohne Dach ist es noch keine Hütte.“ Er beginnt einen Nagel einzuschlagen.

„Warum?“

„Eine Hütte ohne Dach ist nur ein Windschutz,“ presst Lausebär zwischen zwei Hammerschläge.

„Mir gefällt sie aber schon so. Können wir jetzt nicht was anderes bauen?“

Die kleine Bärin langweilt sich doch schon seit ein paar Minuten.

Die Jungen murmeln nur: „Später.“

„Menno,“ schnupft Lisa. „Später ist blöd.“

Vielleicht hätte sie mit Anna mitgehen sollen. Die große Schwester ist auf der Suche nach neuem Strandgut mit Marie und Linus zur Wasserkante gegangen. Wenn Lisa die Augen wegen der grellen Sonne zusammenkneift, sieht sie drei dunkle Punkte, die sich gegen die Brandung abheben. So wie sie umherhüpfen, haben die drei ihre Holzexpedition erst mal unterbrochen. Stattdessen toben sie durch die Wellen und baden danach sicher im Meer.

Die zurückgelassene Bärin muckelt mit ihrem Schicksal. Sie musste doch bei Kaninchen bleiben. Und jetzt ist alles so langweilig. Also unternimmt sie noch einen Versuch. Sie hebt die Stimme und wiederholt:

„Spääääter ist blööööd.“

Aber Lisa sieht, dass es keinen Zweck hat. Howard und Lausebär unterbrechen noch nicht einmal ihre Arbeit, während sie versucht, mit beiden zu verhandeln. Sie kennt das schon. Die Großen wollen alles immer „später“ machen. Dabei will sie „jetzt“ was anderes machen. Was das ist, weiß sie ja selber nicht. Aber das wird sie auch nie wissen, wenn es nicht „jetzt“ gemacht wird. Und das ist eine Gemeinheit!

„Wenn die nicht mit uns spielen wollen, Kaninchen, wollen wir mit denen auch nicht spielen. Dann machen wir eben unseren eigenen Kram.“

Howard und Lausbär sind so mit dem Hüttenbau beschäftigt, dass sie nicht mal merken, dass Lisa mit Kaninchen abzieht. Außer, dass das Bauen schneller und einfacher wird, wenn keine kleine Schwester nervt.

„Später“ geht es nicht mehr weiter. Sie brauchen dringend mehr Nägel. Irgendwo liegen die noch herum. Bestimmt. Lausebär ist sich sicher, dass Howard und er noch nicht alle verbaut haben. In immer größeren Kreisen beginnt er den Sand rund um die Baustelle abzusuchen. Howard soll ruhig weiterbauen. Er wird die letzten Reserven schon allein finden. Auf seinem Weg dreht er alle Fundsachen um, schaut unter Tücher und Bretter. Fehlanzeige - das einzige, was er dabei findet, ist der kleine Leuchtturm aus Holz, den Marie noch nicht einmal vermisst hat. Ganz in Gedanken steckt er ihn ein. Es muss hier einfach noch Nägel geben.

Als der Suchkreis immer größer wird, landet er bei Lisa, die mit Kaninchen versonnen im Sand spielt.

„Hast du Nägel zum Bauen gesehen?“

„Neiihiin.“ Lisa ist so ins Spiel vertieft, dass sie noch nicht einmal aufschaut.

Lausebär will die Suche schon fortsetzen, als er sieht, womit Lisa und Kaninchen spielen. Da liegen mindestens zwanzig Nägel in Gruppen sauber aufgereiht und bis auf die Köpfe mit Tuchfetzen bedeckt. Genauer gesagt in zwei Gruppen, denn ein Tuch liegt vor Lisa und das andere vor Kaninchen, dem gerade erklärt wird, warum Nägel so schlecht einschlafen.

„Die habe ich gesucht“, strahlt Lausebär und will schon zugreifen.

„Halt, das sind unsere Babies und die müssen jetzt schlafen!“

„Aber das sind die Nägel, die Howard und ich für die Hütte brauchen.“

„Jetzt nicht mehr! Jetzt sind es die Kinder von mir und von Kaninchen. Und die müssen jetzt schlafen.“

„Und wenn sie ausgeschlafen haben, gehen sie zur Arbeit.“ schlägt Lausebär vor.

„Zur Arbeit?“

„Ja, Holz festhalten und dem Wind trotzen. Wichtige Aufgaben halt.“ Hoffentlich überzeugt das Lisa.

„Aber dafür schlägst du meinen Babies ja auf den Kopf.“ Die Kleine schüttelt den Kopf. „Nee, meine Kinder müssen noch nicht arbeiten.“

„Vielleicht nicht alle – aber einige sind doch schon groß.“

„Meinen Babies schlägt keiner auf den Kopf,“ beharrt Lisa.

„Kannst du denn nicht weniger Kinder haben?“

Seine Schwester kreischt entrüstet auf: „Waaaas – ich soll mich von meinen Kindern trennen?“

Eine Pause entsteht. Lausebär überlegt fieberhaft. So geht es nicht.

„Kann ich nicht wenigstens die Kinder von Kaninchen haben?“

„Mal sehen – Kaninchen ist ja noch klein. Also kann es das mit den Babies bei mir erst noch lernen.“

Lausebär bekommt Kaninchens Nägel ausgehändigt. Das kleine Langohr muss zu den übriggebliebenen Bettgenossen umziehen. Und muss sich ganz wichtige und lange Erklärungen von Lisa zur Nagelpflege anhören. Die könnte es sich ruhig hinter die langen Ohren schreiben. Aber Kaninchen kann ja auch nicht schreiben. Nur zuhören.

Howard wartet schon, als Lausebär mit seiner Beute zurückkommt.

„Das hat aber gedauert“, spottet er. „Hast du erst die Eisenzeit neu erfunden und hier eine eigene Nagelgewinnung angefangen?“

„Nein, aber einen Kinderhandel.“

Howard schüttelt verständnislos den Kopf. „Egal, lass uns weitermachen.“

Inzwischen kommen die anderen Bären mit reicher Beute von ihrer Holzexpedition zurück. Sie sind fast bis zur südlichen Sandspitze, dem „langen Kapitän“, gelaufen. Sogar eine stolze Marie zieht ein Seil mit drei kleinen Hölzern ins Lager. Dem Holzvorrat sieht man den Zuwachs aber nicht an, da jetzt noch mehr Pfoten eifrig Bauteile zum Rohbau ziehen.

Die Hütte nimmt langsam Gestalt an. Drei Seiten sind schon richtig gut ausgerichtet. Die Holzkonstruktion hält und wird mit Spannseilen gesichert. Linus hilft begeistert, die Heringe einzuschlagen, seit er weiß, dass damit keine Fische gemeint sind. Von den oberen Enden der Tragpfeiler werden dann die Schnüre zu den Heringen gespannt und mit Seilspannern straffgezogen. Unermüdlich buddelt Howard Fundamentlöcher in den Sand. Am besten so tief es geht – also bis das Wasser beginnt, im Loch aufzusteigen. Dann setzt er mit Lausebär die dicken und dann bärenhohen Fundhölzer ein. Das Loch zuschütten und fest darauf rumtrampeln, um den Sand zu verdichten. Wieder eine Aufgabe für Linus, der eigentlich unentbehrlich ist: „Ohne mich würde die Hütte doch wieder einstürzen, oder?“ Klar doch Linus.

Die letzten Pfosten und Querbalken zum Wasser hin müssen jetzt noch gesetzt werden.

Lange Zeit beratschlagen Howard und Lausebär, wo der Eingang liegen muss, so dass der Wind nicht immer Sand reinwehen wird. Abwechselnd werfen sie Sand in die Luft, um zu sehen, wohin die Körner treiben. Linus denkt in größeren Dimensionen. Hier ist schließlich der weltbeste Windmesser am Werk. Er nimmt die große Schaufel und wirft mit weitem Schwung ordentlich Zuckersand in die Luft. Die riesigen Sandwolken, die dabei entstehen, taugen zwar kaum zur Windbestimmung, hüllen aber erst einmal Marie ein. Sie hat sich neugierig zu Linus gestellt. Es dauert einige Zeit, bis Anna die Tränen getrocknet und das Fell weitgehend sauber gebürstet hat.

Inzwischen haben sich Lausebär und Howard auf Südost geeinigt. Wenn man später aus der Hütte guckt, wird man auf das offene Meer und die Halligen schauen. Mit Mittelpfosten und Querträgern ist die Tür fertig. Fast fertig, ein Brett wackelt noch. Aber die Nägel sind schon wieder alle vernagelt. Was jetzt?

Lausebär schaut zu Lisa und Kaninchens Kinderstube. Die ist verwaist, da Lisa und Kaninchen inzwischen losgezogen sind, um kleine Muscheln für die Babies zu suchen.

Der große Bär nutzt die Gelegenheit. Howard muss aufpassen und er schleicht zum Nagellager. Dort nimmt der Bär einen Nagel von der Seite des Nagelbetts. Schließlich ist es für einen guten Zweck. Außerdem, Lisa kann sowieso nicht so weit zählen. Sie wird schon keinen Unterschied merken. Und das Wichtigste, er muss nicht wieder so lange mit Lisa reden.

Mit Lisa muss er den ganzen Tag nicht mehr reden. Denn Lisa kann vielleicht nicht zählen, aber den leeren Abdruck im Sand, den sieht sie sofort. Sie beklagt sich bitterlich bei Anna. Und Anna redet Lausebär ins Gewissen. Das dauert länger. Die Notlage lässt sie nicht gelten. Lausebär muss sich bei Lisa entschuldigen. Und bei Kaninchen. Beide schweigen. Das macht es für Lausebär nicht einfacher.

Aber immerhin, der Rohbau steht.

Jetzt müssen die Tücher gespannt werden. An die vier Ecken binden die großen Bären Strippen fest. Mit einem Knoten im Tuch sichern sie dann die Bindungen. Rund um die Hölzer müssen die Tücher sich weiträumig überschneiden, damit später der Wind nicht überall durchpfeift. Da helfen alle mit und ziehen und zerren an den Tüchern, damit Howard die Strippen an der Konstruktion festbinden kann. Marie hat die kleinste Pfote, deshalb darf sie damit den ersten Knoten sichern, während Howard den zweiten legt. Vor dem Zuziehen muss sie ihre Pfote nur rechtzeitig rausziehen.

Lausebär und Lisa sprechen immer mit Anna, wenn sie sich abstimmen müssen. Die hofft inständig, dass das Bärentheater morgen wieder vorbei ist. Das ist wieder einer dieser Tage, an dem sie bedauert, die große Schwester sein müssen.

Damit die Tücher unter der Windlast sich nicht so ausbeulen, ziehen Anna und Lausebär kreuzweise Seile vor und hinter den gespannten Stoffwänden. Howard dirigiert inzwischen die kleinen Bären beim Auslegen des wasserdichten Duschvorhangs für das Dach. An jede Ecke müssen wieder Seile befestigt werden. Die Sonne steht schon tief, die Bären müssen sich ranhalten. Das Aufziehen des Daches ist noch mal Schwerstarbeit. Die großen Bären wuchten das Tuch über die Stangen, bis der Wind es aufbläht und sie schnell zu den kleinen Bären eilen müssen. Die hängen schon ziemlich in den Seilen, so sehr zerrt der Wind das Dach nach oben. Gemeinsam bändigen sie das Dach und spannen die Ecken mit den Heringen.

Ein letztes Spannkreuz aus Strippen sichert das Dach gegen den Wind. Dann ist es geschafft - eine Strandhütte ist fertig. Das bisschen Innenausstattung und die Gestaltung der Außenanlagen haben Zeit bis morgen. Das Werkzeug und der ganze Rest wird vergraben. Das wird auch Zeit, denn der Leuchtturm beginnt schon sein Licht über die Nordsee hinauszuschicken.

Zwei Bären, die in sich ruhen. Zwei, die wissen, was sie geschafft haben. Lausebär und Howard können sich am gemeinsamen Werk nicht satt sehen. Sie stehen auf der nächsten Düne und betrachten die Hütte im Abendlicht. Die ganze Vorbereitung, die genaue Planung und - es funktioniert. Das haben sie schon Klasse gemacht. Anna packt inzwischen die Kleinen in den Bollerwagen. Dann müssen die beiden Jungen endlich anpacken. Sie asten mit dem Bollerwagen zurück in den Ort. Die Kleinen pennen da schon wieder selig im ruckelnden Gefährt und träumen von neuen Abenteuern.